Goebbels: Eine Biographie (German Edition) by Reuth Ralf Georg
Author:Reuth, Ralf Georg [Reuth, Ralf Georg]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 9783492960458
Publisher: Piper ebooks
Published: 2013-06-10T22:00:00+00:00
12
Er steht doch unter dem Schutz des Allmächtigen
(1939 – 1941)
In diesem Sommer 1939 befielen den Propagandaminister immer wieder Sorgen angesichts der Entschlossenheit »seines Führers«, sein Ziel um jeden Preis durchzusetzen. Nicht, daß er etwa aufgehört hätte, ihn zu verehren, vielmehr war es die Furcht vor der Hybris, die ihn jetzt mitunter überkam. Zu oft hatten sie das Schicksal herausgefordert, zu oft hatten sie triumphiert. Es fehlten die Entbehrungen und das Leid, kurzum das Opfer, das Goebbels einmal den unerschütterlichen Glauben gegeben hatte. In den Momenten des Zweifels nahm er sich vor, Hitler in seinem Expansionsdrang auf einen friedlichen Kurs festzulegen[1]. Doch wenn Hitler zu ihm sprach, ihn in seinen Bann schlug, machte sich Goebbels um so fanatischer vor, die »Vorsehung« führe dessen Hand, ehe ihn die Angst aufs neue bedrängte.
Goebbels, der in den Entscheidungsprozeß Hitlers nicht mit einbezogen war, nahm in dieser Zeit an keiner einzigen geheimen Konferenz Hitlers teil[2]. Um so bedrohlicher mußte ihm die Situation erscheinen, als es aus seiner Sicht im Frühsommer des Jahres 1939 den Anschein hatte, Hitler strebe dem Krieg nicht nur gegen Polen entgegen, sondern nehme ihn auch gegen Großbritannien und Frankreich und möglicherweise auch noch gegen die Sowjetunion in Kauf. Eifersüchtig und voll Argwohn schaute der Propagandaminister auf seinen Widersacher Ribbentrop; ihn hielt er für Hitlers »bösen Geist«, der diesen zum Krieg anstiftete[3].
Diesen Befürchtungen Goebbels’ und seiner Uninformiertheit war es wohl zuzuschreiben, daß er die Anweisung, die er aus der Reichskanzlei erhielt, als Politik der Besänftigung der Sowjetunion bei dem sich abzeichnenden Konflikt interpretierte. Am 5. Mai hatte er auf allerhöchste Order hin die Presse anzuweisen, von sofort an die Polemik gegen die Sowjetunion und den Bolschewismus einzustellen. Es habe dies, so lautete die Begründung, »nichts mit dem tiefgreifenden Unterschied der Weltanschauungen zu tun, sondern ist nur notwendig wegen der zahllosen ausländischen Gerüchte, die die Lage nur verwirren«[4]. Es war nämlich bekannt geworden, daß Paris und London in Moskau für die Wiederbelebung des kollektiven Sicherheitssystems Völkerbund verhandelten. Mit anderen Worten: Die Westmächte bemühten sich, mit Hilfe der Sowjetunion Hitlers polnische Expansionsgelüste zu vereiteln. Daher mußte es das Interesse Deutschlands sein, den Kreml nicht durch eine aggressive Propaganda in deren Arme zu treiben.
Tatsächlich erwog Hitler, bedrängt von Ribbentrop, der aus seiner Tätigkeit als Botschafter in London die Überzeugung mitgenommen hatte, Großbritannien werde »niemals, was auch immer kommen mag, mit Deutschland paktieren«[5], ein Zusammengehen mit der Sowjetunion. Der Kreml hatte schon am 10. März signalisiert, daß er ein Arrangement mit Berlin wolle. Davon versprach sich Hitler, seine polnischen Pläne durchsetzen zu können, ohne daß es die Westmächte dann noch wagen würden, für Polen den Krieg mit Deutschland zu riskieren. Eben diesen erhoffte sich aber Stalin, der fürchtete, Hitler könnte sich doch noch mit den westlichen »Plutokratien« verständigen und mit deren Rückendeckung seine Zielsetzung im Osten verwirklichen. Ein Krieg der kapitalistischen Staaten untereinander mußte hingegen diese ausbluten und es der Sowjetunion ermöglichen, mit Hilfe der Roten Armee die Idee der bolschewistischen Revolution nach Europa zu tragen, so wie ihr der Krieg der Monarchien schon einmal den Nährboden bereitet hatte.
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